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Reliquien
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Die Düsseldorfer Reliquien des hl. Apollinaris, geöffneter Reliquienschrein
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Kreuzreliquiar von St. Lambertus, Düsseldorf, Ende 17. Jh., Kreuzpartikel
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Der Evangelist Matthäus berichtet über Jesus: Da trat eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen litt, von hinten an ihn heran und berührte den Saum seines Gewandes; denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt. Jesus wandte sich um, und als er sie sah, sagte er: Hab keine Angst, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und von dieser Stunde an war die Frau geheilt (Mt 9,20 22; parallel Lk 8, 43 - 48). Da Blutungen eine Frau unrein machten, durfte sie weder an Gottesdiensten teilnehmen, noch andere Menschen berühren, um diese nicht auch unrein zu machen. Die Unreine übertrat hier mit Duldung Jesu das Gesetz, erreichte das Ziel ihres Glaubens: die Heilung. Und Jesus begründet, warum sie die Heilung erlangt: Dein Glaube hat dir geholfen. Jesus macht sich den Menschen berührbar und wer auch nur den Saum seines Gewandes berührt, wird in doppeltem Sinne geheilt: Seine Sünden sind ihm vergeben, er wird in seiner Seele heil, und er erlangt Heilung von seinen körperlichen Gebrechen (vgl. Mt 9,1 8). Heilung durch die Berührung des Gewandsaumes Jesus berichtet Matthäus noch ein zweites Mal: Sie fuhren auf das Ufer zu und kamen nach Gennesaret. Als die Leute dort ihn erkannten, schickten sie Boten in die ganze Umgebung. Und man brachte alle Kranken zu ihm und bat ihn, er möge sie wenigstens den Saum seines Gewandes berühren lassen. Und alle, die ihn berührten, wurden geheilt (Mt 14,34 36; parallel Mk 6, 53 56). Als Jesus Christus zur Rechten Gottes saß und Petrus die sich bildende Kirche leitete, wirkte er Christus ähnlich: Selbst die Kranken trug man auf die Straßen hinaus und legte sie auf Betten und Bahren, damit, wenn Petrus vorüberkam, wenigstens sein Schatten auf einen von ihnen fiel. Auch aus den Nachbarstädten Jerusalems strömten die Leute zusammen und brachten Kranke und von unreinen Geistern Geplagte mit. Und alle wurden geheilt (Apg 5,15 - 16).
Den Nachgeborenen war die Berührung des Gewandsaumes des Messias und das Treten in den Schatten des Apostels Petrus verwehrt, nicht mehr möglich. Primäre Reliquien Jesu gab es nicht, sieht man einmal von einigen obskuren Reliquien ab. Auch die zahlreichen Heilig-Blut-Reliquien, also Partikel, die als Blut Christi galten, können nicht stringent ihre Herkunft von Jesus beweisen, bedürfen des Glaubens. Für Jesus selbst, für seine Mutter Maria und den Ziehvater Josef lassen sich primäre Reliquien, Teile des Körpers, nicht nachweisen. Vorhanden sind zahlreiche sekundäre Reliquien, also Reliquien, die vermutlich den Körper des Verehrten berührt haben, wie der Heilige Rock in Trier, das Turiner Grabtuch, das Schweißtuch der Veronika, die Josephshosen in Aachen usw.. Von ihnen kaum mehr unterscheidbar sind die Berührungsreliquien, die durch Berührung einer Kopie mit dem Original entstanden und nicht nur nach dem damaligen Glauben das Wesen des Originals auf die Kopie übertrugen, später auch auf andere Gegenstände. Die Pallien der Erzbischöfe, die am Grab Petri aufbewahrt werden, sind solche Berührungsreliquien.
Primäre Reliquien in Form der Körper (-teile) von Blutzeugen und Bekennern Christi sind von der ersten Generation der Christen so gut wie nicht erhalten. Wenn also Stephan Beissel einst seine inzwischen klassi-sche Darstellung1 der Reliquienverehrung in der Geschichte mit dem Satz: Die Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien ist so alt als die katholische Kirche eröffnete, muss man heute relativieren: Die Christen haben ihre Toten seit je bestattet, gerade auch diejenigen, die um ihres Glaubens willen einen gewaltsamen Tod gestorben waren, überließ man nicht sich selbst. Diese Fürsorge für die Toten entsprach nicht nur einer Pietät gegenüber den Verstorbenen, sondern hatte theologische Gründe. Zwar galt den Christen der Körper2 als verweslich, irdisch (1 Kor 15,42ff.) und dem Tod verfallen (Röm 7,24), aber man hoffte auf einen unverweslichen und himmlischen Auferstehungsleib (1 Kor 15,44). Die Vorstellung, wie dies geschehe, lieferte Paulus mit dem Überkleidetwerden, indem dieses Vergängliche sich mit Unvergänglichkeit bekleidet und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit (1 Kor 15,53). Durch dieses Eingehen des irdischen in den verklärten Leib kam Ijob zu Geltung: Ich werde wieder mit einer Haut umgeben und in meinem Fleisch werde ich Gott schauen (Hiob 19,26 nach der Vulgata). Auch die Vision des Propheten Ezechiel von der Auferweckung Israels (Ez 37,1-14) verwendet diese Idee, wenn Ezechiel in Gottes Auftrag zu den verstreuten Gebeinen sagt: Ihr ausgetrockneten Gebeine, hört das Wort des Herrn! So spricht Gott, der Herr, zu diesen Gebeinen: Ich selbst bringe Geist in euch, dann werdet ihr lebendig. Ich spanne Sehnen über euch und umgebe euch mit Fleisch; ich überziehe euch mit Haut und bringe Geist in euch, dann werdet ihr lebendig (Ez 37,4b-6a). Der Leib der Toten galt als schützenswert, weil er Teil des Auferstehungsleib werden sollte.
Während von den frühen Märtyrern (z. B. Stephanus, Petrus, Paulus usw.) keine (Primär-) Reliquien aufbewahrt wurden, wird beim Märtyrertod des Polykarp (ca. 156) erstmals nachweislich berichtet, man habe seine Gebeine, die als wertvoller als Edelsteine und Gold angesehen wurden, gesammelt und aufbewahrt3. Während die Wertschätzung der Märtyrer von Anfang an galt, begann die Verehrung ihrer Reliquien erst im 2. Jahrhundert. Der Ort der Verehrung ist das Märtyrergrab, Gegenstand der Leichnam bzw. das Skelett des Toten. Die Begründung für die Reliquienverehrung lieferte die zwischenzeitlich entwickelte Ansicht, die Seele des Märtyrers im Himmel erhalte ihre Beziehung zum irdischen Körper aufrecht, denn dies sei der Körper, der sich bei der Auferstehung erneuern werde. Jetzt schon sei der irdische Körper mit himmlischer Kraft (dynamis, virtus) erfüllt. Die Beziehung des irdischen Leibes zur himmlischen Seele, so schlussfolgerte man, vermittle den frommen Besuchern der Reliquien die ihnen innewohnende heilige Kraft4. Diese Auffassung galt zunächst für die Märtyrer, die Blutzeugen des Glaubens, nach der Konstantinischen Wende (312) auch für die Bekenner, die ihren Glauben durch ein heroisches, aber unblutiges Lebenszeugnis bewiesen hatten. Die Heiligen führten nach ihrem Tod eine Art von Doppelexistenz, im Himmel in ihrer Seele und auf Erden in ihren Reliquien. Ihre Gebeine waren ein Vermächtnis für die noch Lebenden, eine Brücke zur ewigen Seligkeit. Im Mittelalter nahm die Reliquienverehrung solche Ausmaße an, dass die Realpräsenz der Heiligen in ihren Gräbern und Reliquiaren zeitweise in Konkurrenz zur eucharistischen Realpräsenz stand5.
Die Reliquien lassen sich nach ihrem Urheber unterscheiden: Jesus-Reliquien, Maria-Reliquien, Heiligen-Reliquien usw., danach, ob sie Teile des Körpers darstellen (= Primär-Reliquien) oder z. B. Kleidungsteile (= Sekundär-Reliquien, Heiltümer) und danach, ob sie (z. B. auch als eine Nachbildung der Primär-Reliquie) durch die Berührung mit der Primär-Reliquie zu einer Berührungsreliquie geworden sind. Auf diese Art und Weise lassen sich u. a. diverse Grabtücher und Kleidungsstücke Christi erklären.
1 Vgl. Beissel, Stephan: Die Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien in Deutschland im Mittelalter. Darmstadt 1976. [Unveränderter Nachdruck der beiden Aufsätze: "Die Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien in Deutschland bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts" (1890) und "Die Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien in Deutschland während der zweiten Hälfte des Mittelalters" (1892)]
2 Nach Angenendt, Arnold: Die Reliquien und ihre Verehrung im Mittelalter. In: Dombau und Theologie im mittelalterlichen Köln. (= Studien zum Kölner Dom, 6). Festschrift zur 750-Jahrfeier der Grundsteinlegung des Kölner Domes und zum 65. Geburtstag von Joachim Kardinal Meisner 1998, hrsg. im Auftrag des Metropolitankapitels von Ludger Honnefelder, Norbert Trippen und Arnold Wolff. Köln 1998, 309 - 322
3 Martyrium Polycarpi, cap. 18,3; hier nach Theofried Baumeister: Genese und Entfaltung der altkirchlichen Theologie des Martyriums. (= Traditio Christiana, 8). Bern 1991, 74 85, 83
4 Angenendt, Arnold: Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart. München 1994, 102 122; ders.: Die Reliquien und ihre Verehrung im Mittelalter. (Vgl. Anm.3), 311
5 Vgl. Dinzelbach, Peter: Die "Realpräsenz" der Heiligen in ihren Reliquiaren und Gräbern nach mittelalterlichen Quellen. In: Peter Dinzelbach / Dieter R. Bauer (Hrsg.): Heiligenverehrung in Geschichte und Gegenwart. Ostfildern 1990
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